Fahrrad zum Dreirad umbauen: Bausätze, Technik, Recht

Welche Umbausätze das Hinterrad durch eine Doppelachse ersetzen, welche vier Schnittstellen am Rahmen passen müssen, was § 65 und § 67 StVZO verlangen und wann ein fertiges Dreirad günstiger ist.

E-Trikes & Dreiräder Veröffentlicht am 7 Min. Lesezeit

Das Fahrrad steht in der Garage, das Gleichgewicht macht Sorgen, und ein neues Dreirad kostet vierstellig. Da liegt der Gedanke nahe, das vorhandene Rad einfach umzubauen. Technisch geht das, es hängt aber an vier Schnittstellen am Rahmen und an einem Markt, der deutlich dünner geworden ist.

Was ein Umbausatz technisch ersetzt

Der Grundgedanke aller Bausätze ist derselbe: Das Hinterrad wird ausgebaut, an seine Stelle kommt ein Achskörper, der zwei Räder im Abstand einer Spurweite führt. Das Vorderrad, der Rahmen, der Lenker und die Sitzposition bleiben unverändert. Genau darin liegt der Reiz des Umbaus, denn ein eingefahrenes Rad bleibt in seinen vertrauten Maßen erhalten.

Damit das funktioniert, muss der Satz an vier Stellen mit dem Rad zusammenpassen.

Schematische Draufsicht auf das Heck eines Fahrrads, das mit einem Umbausatz zum Dreirad ergänzt wurde. Zu sehen sind Sattel, Sattelstütze und Rahmendreieck, dahinter ein querliegender Achskörper mit zwei Rädern. Vier rote nummerierte Marker kennzeichnen die Schnittstellen: Marker eins an den Ausfallenden, wo der Achskörper eingesetzt wird, Marker zwei an der Teleskopstrebe zur Sattelstütze, die den Achskörper gegen Verdrehen abstützt, Marker drei an der Kette, die nur das rechte Rad antreibt, während das linke frei mitläuft, und Marker vier an der Bremse der neuen Achse. Unten zeigt ein Maßpfeil die Spurweite mit einer Spanne von 68 bis 81 Zentimetern im Vergleich zu einer eingezeichneten Türöffnung.

Vier Schnittstellen entscheiden über die Passung: Ausfallenden, Abstützung an der Sattelstütze, Kettenlinie zum angetriebenen Rad und die neue Bremsanlage.

Die Ausfallenden nehmen den Achskörper auf. Hier zählt die Einbaubreite, das AltenaBike OPUS 3 setzt zum Beispiel 127 Millimeter voraus. Die Abstützung verhindert, dass sich der Achskörper unter Last gegen den Rahmen verdreht. Sie geht bei den meisten Sätzen über eine verstellbare Teleskopstrebe an die Sattelstütze, weshalb deren Durchmesser passen muss, beim OPUS 3 sind es 34,9 Millimeter oder 31,8 Millimeter mit Reduzierhülse. Dazu kommen die Kettenlinie zum angetriebenen Rad und die Bremsanlage an der neuen Achse.

Welche Bausätze es gibt

Wer heute sucht, findet drei Kategorien: komplette Module, einfache Achs-Sets und Modulsysteme, die vorn oder hinten angesetzt werden. Die Übersicht fasst die Angaben der Anbieter zusammen.

BausatzBauartKennwerte laut AnbieterVerfügbarkeit
AltenaBike OPUS 3Hinterachsmodul für 28-Zoll-Räderca. 74 cm breit, 120 kg Zuladung inklusive Fahrer, Nexus 7/8, mechanische Bremsen, 127 mm Einbaubreiteals Restbestand für 999,99 € angeboten, Einbau nur in der Fachwerkstatt
PFAU-Tec FuriosoHinterachs-Bausatz, 24 bis 28 Zoll810 mm breit, 8 kg, Scheibenbremse, 3-Gang mit Rücktritt, für 8- und 9-fach-Kassettennach Händlerangaben eingestellt
AddBike B-BackHinterrad-Modul, anhängbar68 × 68 × 50 cm, 15 kg, 20-Zoll-Räder, mechanische Scheibenbremsen, 35 kg Tragfähigkeitim aktuellen Programm
Einfaches Hinterachs-Setreiner Achskörper mit NabenPreise ab rund 75 €wechselnd über Zubehörhandel

Zwei Punkte fallen auf. Erstens sind die klassischen Komplett-Bausätze weitgehend vom Markt verschwunden: Für die früher verbreiteten PFAU-Tec-Sätze Furioso und Family melden Händler die Einstellung der Produktion. Zweitens unterscheiden sich die Konzepte stärker, als der gemeinsame Oberbegriff vermuten lässt. Ein Achsmodul wie das OPUS 3 macht aus dem Rad ein echtes Dreirad mit tragender Doppelachse. Ein Modul wie das B-Back hängt sich mit 35 Kilogramm Tragfähigkeit an das Rad und zielt auf Transport, nicht auf Standsicherheit für den Fahrer.

Eine dritte Variante setzt am Vorderrad an: Beim AddBike+ ersetzt eine zweispurige Konstruktion das Vorderrad, samt Neigemechanismus, der die Ladefläche waagerecht hält, während die Räder sich in der Kurve legen. Wie diese Bauart funktioniert und was sie im Fahrbetrieb ausmacht, erklärt der Ratgeber zum Dreirad mit Neigetechnik.

Antrieb: ein Rad oder beide

Die einfachste Lösung treibt nur ein Hinterrad an. Die Kette läuft wie zuvor auf ein Ritzel, das jetzt an einem der beiden Räder sitzt, das andere dreht frei. Das ist leicht, günstig und wartungsarm, hat aber drei Folgen im Alltag:

Ein Differenzial löst das, indem es beide Räder antreibt und ihnen in der Kurve unterschiedliche Drehzahlen erlaubt. Das kostet Bauraum in der Achse, Gewicht und Geld, weshalb es in günstigen Umbausätzen kaum vorkommt. Wer regelmäßig auf welligem Untergrund oder am Berg fährt, sollte diesen Punkt vor dem Kauf klären.

Die Bremsen sind der kritische Punkt

Rechtlich ist die Sache eindeutig. § 65 Abs. 1 StVZO bestimmt:

Alle Fahrzeuge müssen eine ausreichende Bremse haben, die während der Fahrt leicht bedient werden kann. Fahrräder müssen zwei voneinander unabhängige Bremsen haben.

§ 65 Abs. 1 Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO)

Beim Umbau verschwindet das Hinterrad und damit die dort verbaute Bremse. Wer nur die Vorderradbremse behält, fährt danach mit einer Bremse und damit außerhalb der Vorschrift. Die Bausätze lösen das unterschiedlich: über Trommel- oder Scheibenbremsen an beiden Naben, über eine Rücktrittnabe im Achskörper oder über eine kombinierte Anlage. Das AltenaBike-Modul setzt mechanische Bremsen voraus, der PFAU-Tec-Bausatz führte eine Scheibenbremse, das AddBike-Modul mechanische Scheibenbremsen.

Zwei Details entscheiden über das Ergebnis. Die Bremsen müssen auf beiden Seiten gleich stark greifen, sonst zieht das Fahrzeug beim Bremsen zur schwächeren Seite. Und die Betätigung muss zu den vorhandenen Hebeln und Zügen passen, weshalb hydraulische Anlagen am Spenderrad bei vielen Sätzen ein Ausschlusskriterium sind.

Passt der Bausatz an dein Fahrrad?

Diese fünf Punkte klärt man vor dem Kauf, am besten mit Messschieber und Zollstock am eigenen Rad:

  1. Laufradgröße. Viele Sätze sind auf 28 Zoll ausgelegt, manche decken 24 bis 28 Zoll ab.
  2. Einbaubreite der Ausfallenden. Beim OPUS 3 sind es 127 Millimeter, gemessen wird zwischen den Innenseiten der Ausfallenden.
  3. Sattelstützendurchmesser. Er trägt die Abstützung, gefragt sind meist 34,9 oder 31,8 Millimeter mit Hülse. Eine gefederte Sattelstütze fällt hier heraus.
  4. Bremstyp am Rad. Mechanisch oder hydraulisch entscheidet über die Kompatibilität der Bremsanlage.
  5. Schaltung. Nabenschaltungen wie Shimano Nexus 7 und 8 sind der Normalfall bei Modulen, Kettenschaltungen brauchen einen Satz, der Kassetten unterstützt.

Der Einbau selbst gehört in geübte Hände. Der Anbieter des OPUS 3 weist ausdrücklich darauf hin, dass die Montage fortgeschrittene Fahrradmechanik verlangt und in einer Fachwerkstatt erfolgen soll. Das ist kein Formalismus: Achskörper, Abstützung und Bremse tragen im Betrieb das gesamte Fahrergewicht.

Was der Umbau rechtlich bedeutet

Ein umgebautes Dreirad bleibt ein Fahrrad, solange es mit Muskelkraft angetrieben wird oder als Pedelec bis 25 km/h unterstützt. Eine Betriebserlaubnis oder eine Abnahme braucht es dafür nicht. Zwei Vorschriften der StVZO werden durch die zweite Achse allerdings relevant:

Bremsen. Zwei voneinander unabhängige Bremsen nach § 65 Abs. 1 StVZO, wie oben beschrieben.

Beleuchtung. § 67 Abs. 2 StVZO knüpft an die Breite an. Fahrräder über 1.000 Millimeter Breite brauchen nach vorn und hinten gerichtete, paarweise waagerecht angebrachte Rückstrahler sowie mindestens zwei weiße Scheinwerfer und zwei rote Schlussleuchten, deren seitlicher Abstand zur Außenkante 200 Millimeter nicht überschreiten darf. Über 1.800 Millimeter greifen sogar die Anbauvorschriften der UN-Regelung Nr. 48, also Pkw-Recht. Typische Umbausätze bleiben mit 68 bis 81 Zentimetern klar darunter und kommen mit der normalen Fahrradbeleuchtung aus.

Bei der Radwegbenutzung gibt es keine Sonderregel für mehrspurige Fahrräder. Es bleibt bei § 2 Abs. 4 StVO: Eine Benutzungspflicht besteht dort, wo die Zeichen 237, 240 oder 241 stehen. Praktisch wird die Breite trotzdem zum Thema, sobald Umlaufsperren, Poller oder schmale Bordsteinabsenkungen im Weg sind.

Wie sich das Ergebnis fährt

Ein umgebautes Fahrrad fährt sich wie ein Dreirad und damit anders als vorher. Es bleibt in Kurven senkrecht, die Fliehkraft zieht nach außen, und der Lenker wird zum direkten Steuerorgan. Wer vom Zweirad kommt, braucht dafür ein paar Runden Eingewöhnung, die der Ratgeber dazu beschreibt, ob ein Dreirad für Erwachsene schwer zu fahren ist.

Beim Umbau kommt ein Punkt hinzu, den ein fertiges Dreirad nicht hat: Die Geometrie des Spenderrads ist für ein Zweirad ausgelegt. Sattelhöhe und Schwerpunkt sitzen dort, wo sie beim Balancieren sinnvoll waren, und ein hoher Schwerpunkt senkt die Kippreserve. Zwei Maßnahmen helfen spürbar, ein niedrigerer Sattel und Gepäck möglichst tief zwischen den Rädern statt auf einem hohen Träger.

Die zweite Änderung betrifft die Fahrbahn. Bei zwei Rädern nebeneinander trifft ein Schlagloch nur eine Seite und kippt das Rad kurz an, während ein Zweirad einfach durchrollt. Auf gewölbten Fahrbahnen und abschüssigen Radwegen steht das Fahrzeug außerdem dauerhaft leicht schief.

Rechnet sich der Umbau?

Die Rechnung fällt selten zugunsten des Umbaus aus. Ein Komplettmodul für 999,99 Euro plus Werkstatteinbau liegt im Bereich dessen, was fertige Erwachsenen-Dreiräder als Neuware kosten. Diese sind als Gesamtkonstruktion ausgelegt, ihr Rahmen ist auf die Doppelachse gerechnet, und sie kommen mit passender Bremsanlage und tiefem Einstieg.

Für den Umbau sprechen drei Situationen:

Gegen den Umbau spricht vor allem die Ersatzteillage. Wer heute einen Restbestand kauft, hat in fünf Jahren möglicherweise keinen Zugriff mehr auf Naben, Lager und Achskörper desselben Systems. Wenn ein Dreirad aus gesundheitlichen Gründen gebraucht wird, lohnt außerdem der Blick auf die Kostenübernahme: Wann die Krankenkasse ein Dreirad zahlt, hängt an der Hilfsmittelnummer, und die trägt ein Eigenumbau nicht.

Fazit

Der Umbau vom Fahrrad zum Dreirad ist ein sauber lösbares mechanisches Problem: Ein Achskörper ersetzt das Hinterrad, eine Strebe stützt ihn an der Sattelstütze ab, die Kette treibt ein Rad an, und die Bremsanlage entsteht an der neuen Achse neu. Wer die vier Passungen am eigenen Rahmen prüft und die Bremsfrage nach § 65 StVZO ernst nimmt, bekommt ein brauchbares Fahrzeug.

Die Hürde liegt heute weniger in der Technik als in der Beschaffung. Die klassischen Bausätze sind größtenteils eingestellt, verfügbare Module sind Restbestände oder Transportlösungen mit begrenzter Tragfähigkeit. Wer das Spenderrad nicht aus gutem Grund behalten will, fährt mit einem fertigen Dreirad meist günstiger und in der Konstruktion stimmiger.

Angaben zu Bausätzen und Preisen nach Herstellern und Händlern (AltenaBike über dreirad-shop.de, PFAU-Tec, AddBike), Stand der Recherche September 2026. Rechtsstand September 2026, maßgeblich sind § 65 und § 67 StVZO sowie § 2 StVO.

Häufige Fragen

Kann man jedes Fahrrad zum Dreirad umbauen?

Nein. Ein Umbausatz passt nur, wenn vier Dinge zusammenkommen: die Einbaubreite der Ausfallenden, der Durchmesser der Sattelstütze für die Abstützung, der Bremstyp und die Schaltung. Das AltenaBike OPUS 3 setzt beispielsweise ein 28-Zoll-Rad mit mechanischen Bremsen, 127 Millimeter Einbaubreite, Sattelstütze mit 34,9 Millimetern und eine Shimano Nexus 7 oder 8 voraus. Rahmen mit hydraulischen Bremsen, gefederter Sattelstütze oder Kettenschaltung fallen bei vielen Sätzen heraus.

Was kostet ein Umbausatz vom Fahrrad zum Dreirad?

Die Spanne ist groß. Einfache Hinterachs-Sets aus dem Zubehörhandel liegen bei rund 75 bis 100 Euro, ein komplettes Modul wie das AltenaBike OPUS 3 wird für 999,99 Euro angeboten, ursprünglich lag es bei 1.545 Euro. Dazu kommt der Einbau in der Fachwerkstatt, den der Anbieter des OPUS 3 ausdrücklich verlangt.

Gibt es überhaupt noch Umbausätze zu kaufen?

Der Markt ist dünn geworden. Die früher verbreiteten Bausätze Furioso und Family von PFAU-Tec werden nach Angaben von Händlern nicht mehr produziert, verfügbare Module sind oft Restbestände. Aktuell im Programm sind Modulsysteme wie AddBike, deren Hinterradmodul B-Back mit 20-Zoll-Rädern, mechanischen Scheibenbremsen und 35 Kilogramm Tragfähigkeit angegeben wird.

Wird beim umgebauten Dreirad ein Rad oder werden beide angetrieben?

In der Regel treibt die Kette nur ein Hinterrad an, das zweite läuft frei mit. Das ist die einfachste und günstigste Lösung, sie kostet aber Traktion: Auf nassem Untergrund und an Steigungen dreht das angetriebene Rad früher durch. Ein Differenzial verteilt die Kraft auf beide Räder, braucht dafür mehr Bauraum, mehr Gewicht und mehr Geld.

Welche Bremsen braucht ein umgebautes Dreirad?

§ 65 Abs. 1 StVZO verlangt für Fahrräder zwei voneinander unabhängige Bremsen. Beim Umbau verschwindet das alte Hinterrad und mit ihm dessen Bremse, die Bremsanlage muss also an der neuen Achse neu entstehen. Bausätze lösen das über Trommel- oder Scheibenbremsen an den beiden Naben oder über eine Rücktrittnabe, wichtig ist die gleichmäßige Wirkung auf beiden Seiten.

Braucht ein Dreirad-Umbau eine besondere Beleuchtung?

Das hängt an der Breite. § 67 Abs. 2 StVZO verlangt bei Fahrrädern über 1.000 Millimeter Breite paarweise angebrachte Rückstrahler nach vorn und hinten sowie mindestens zwei weiße Scheinwerfer und zwei rote Schlussleuchten, jeweils höchstens 200 Millimeter von der Außenkante entfernt. Typische Umbausätze bleiben mit 68 bis 81 Zentimetern darunter, für sie gelten die normalen Fahrradregeln.

Wie breit wird ein Fahrrad nach dem Umbau?

Die Angaben der Anbieter liegen zwischen 68 und 81 Zentimetern: 68 Zentimeter beim AddBike B-Back, rund 74 Zentimeter beim AltenaBike OPUS 3 und 81 Zentimeter beim früheren PFAU-Tec Furioso, der damit noch durch Normtüren passte. Für Umlaufsperren, Poller und schmale Radwege ist das trotzdem eine spürbare Änderung.

Lohnt sich der Umbau gegenüber einem fertigen Dreirad?

Rechnerisch selten, emotional manchmal. Ein Komplettmodul plus Werkstatteinbau landet schnell im vierstelligen Bereich, und dafür gibt es bereits fertige Erwachsenen-Dreiräder, die als Gesamtkonstruktion ausgelegt sind. Für den Umbau spricht, wenn ein bestimmtes Rad erhalten bleiben soll, etwa ein gut eingefahrenes Tourenrad mit passender Sitzposition.

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