Trikes gelten als Kind der 1970er, als Chopper-Kultur mit Käfer-Motor. Der Blick in die Technikgeschichte dreht das Bild um: Das Dreirad stand am Anfang des Automobils. Vom Patentwagen über Lieferdreiräder bis zum Serienfahrzeug von heute ist es eine Geschichte in vier Etappen.
Das erste Automobil hatte drei Räder
Am Anfang steht die Urform des Autos. Carl Benz stellte 1886 den Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 vor, ein dreirädriges Fahrzeug mit Verbrennungsmotor: zwei Räder hinten, ein gelenktes Rad vorn. Genau diese Anordnung heißt heute Delta-Trike und findet sich bei jedem Rewaco und jedem Boom wieder.
Der Grund für die drei Räder war konstruktiv. Eine brauchbare Achsschenkellenkung für zwei gelenkte Vorderräder existierte noch nicht, ein einzelnes drehbares Rad löste das Problem elegant. Dass daraus später vier Räder wurden, war eine Frage der Stabilität und des Komforts.
Vor Benz gab es bereits motorisierte Dreiräder mit anderen Antrieben:
| Jahr | Fahrzeug | Antrieb |
|---|---|---|
| 1769 | Cugnots Fardier | Dampf |
| 1881 | Trouvé Tricycle, Paris | Elektromotor |
| 1882 | Ayrton & Perry Electric Tricycle, London | Elektromotor |
| 1884/85 | Butler Petrol-Cycle | Verbrennungsmotor |
| 1886 | Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 | Verbrennungsmotor |
Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Das elektrische Dreirad fuhr fünf Jahre vor dem Patentwagen mit Verbrennungsmotor. Die heutige Diskussion um Elektro-Dreiräder greift damit eine der ältesten Bauformen überhaupt wieder auf.

Die Zeitachse zeigt die Lücke: Zwischen dem Ende der klassischen Dreiradproduktion und der Serienfertigung ab 1990 liegen Jahrzehnte, in denen Trikes fast nur als Umbau entstanden.
Die erste Blütezeit: De Dion-Bouton
Um die Jahrhundertwende erlebte das Motordreirad seinen ersten großen Erfolg. Das De-Dion-Bouton-Motordreirad wurde zwischen 1897 und 1905 zu einem der meistverkauften Motorfahrzeuge Europas. Es war leicht, vergleichsweise bezahlbar und technisch beherrschbar, in einer Zeit, in der ein Automobil ein Vermögen kostete.
Zahlreiche Hersteller folgten dem Muster. In Deutschland baute die Cyklon Maschinenfabrik die Cyklonette, Gustav Hiller entwickelte das Phänomobil, das ab 1907 auch als eines der ersten motorisierten Lastkarren angeboten wurde. Das Dreirad war in dieser Phase eine ernst gemeinte Antwort auf die Frage, wie man Menschen und Güter motorisiert bewegt.
Nutzfahrzeug: die lange zweite Etappe
Mit der Verbreitung des Automobils verlor das Dreirad seinen Platz als Pkw-Ersatz und fand einen neuen im Transportgewerbe. Das prominenteste Beispiel kommt aus Milwaukee: Harley-Davidson baute den Servi-Car von 1932 bis 1973, über vier Jahrzehnte lang. Werkstätten nutzten ihn, um Kundenfahrzeuge zu überführen, Polizeidienststellen für den Streifendienst, Lieferdienste für kurze Wege.
Auch in Europa hielt sich das Nutzdreirad hartnäckig. Ackerschlepper mit drei Rädern liefen zwischen 1936 und 1950 unter der Marke Ritscher vom Band, kleine Transportdreiräder prägten die Innenstädte des Südens. Diese Fahrzeuge stehen heute in der EU-Systematik als Unterklasse L5e-B, wie der Ratgeber zur Fahrzeugklasse L5e zeigt.
Warum Großbritannien so viele Dreiräder hatte
Ein Sonderweg verdient eigene Aufmerksamkeit, weil er zeigt, wie stark Steuerrecht Fahrzeugbau prägt. In Großbritannien wurden dreirädrige Fahrzeuge bis in die 1970er Jahre steuerlich als Motorräder eingestuft. Wer ein Dreirad fuhr, zahlte deutlich weniger als ein Autofahrer und kam zeitweise sogar mit dem Motorradführerschein aus.
Die Folge war eine eigene Fahrzeuggattung. Morgan baute von 1909 bis 1952 Dreiräder, sportliche Zweisitzer mit vorn liegendem V2-Motor. Der Erfolg der Bauform hielt so lange an, dass Morgan sie zweimal wiederbelebte: Am 3. März 2011 zeigte die Marke auf dem Genfer Automobilsalon einen neuen 3 Wheeler, und im Februar 2022 folgte der Super 3.
Dieselbe Steuerlogik trug die britischen Alltagsdreiräder von Reliant und anderen Herstellern. Als die Steuervorteile fielen, verschwand der Markt weitgehend, was den Zusammenhang zwischen Regelwerk und Fahrzeugangebot deutlicher belegt als jede Statistik.
Die 1970er: das Trike, wie wir es heute kennen
In dieser Zeit entstand das Bild, das viele bis heute vom Trike haben. In der US-amerikanischen Custom-Szene wurden Motorräder mit Heckpartien aus dem VW Käfer kombiniert: luftgekühlter Boxermotor, Getriebe und Pendelachse aus dem Großserienauto, davor eine lange Gabel und ein einzelnes Vorderrad.
Das hatte einen praktischen Grund. Käfer-Technik war billig, überall verfügbar und robust, und die Kombination aus Motorradfront und Autoheck ließ sich mit Werkstattmitteln bauen. In Deutschland liefen solche Fahrzeuge über Einzelabnahmen, jedes Trike war ein Einzelstück mit eigenem Gutachten. Was dabei rechtlich zu beachten ist, gilt im Grundsatz bis heute und steht im Ratgeber zum Umbau eines Motorrads zum Trike.
1990: aus dem Umbau wird Industrie
Das entscheidende Jahr der deutschen Trike-Geschichte ist 1990. Innerhalb weniger Monate entstanden die beiden Hersteller, die den Markt bis heute prägen.
Boom begann im September 1989 mit dem Bau erster Prototypen. Am 29. Januar 1990 gründeten Christine und Wolfgang Merkle zusammen mit Hermann Böhm die Einzelfirma Boom Exklusivfahrzeuge, aus der später die Boom Trikes Fahrzeugbau GmbH wurde. Das erste Modell der Serie Highway I trug noch den Motor eines VW Käfer, 1992 folgte die Highway II auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt. Im selben Jahr zog die Firma nach Sontheim an der Brenz.
Rewaco wurde ebenfalls 1990 gegründet und stellte im Januar 1991 sein erstes Trike vor. Der Sitz liegt in Lindlar im Oberbergischen Kreis, eine zusätzliche Produktionsstätte steht im polnischen Koszalin. Mit rund 500 Fahrzeugen im Jahr und 130 Verkaufsstellen weltweit ist Rewaco heute der führende europäische Hersteller in diesem Segment.
Zwei Daten markieren den eigentlichen Schritt vom Umbau zur Industrie:
- 1997: Boom lässt sich als erster Trike-Hersteller nach DIN EN ISO 9001 zertifizieren.
- 1998: Die EU-Zulassung für alle Boom-Modelle macht die Fahrzeuge europaweit zulassungsfähig.
Ab hier war das Trike ein typgeprüftes Serienfahrzeug mit Ersatzteilversorgung, Garantie und Händlernetz.
2007: der Großhersteller steigt ein
Der nächste Sprung kam aus Kanada. Bombardier Recreational Products präsentierte den Can-Am Spyder am 20. Februar 2007 in Nordamerika, die europäische Vorstellung folgte am 14. Juni 2008 während des 24-Stunden-Rennens von Le Mans, und im Juli 2008 begann der Verkauf in Deutschland.
Der Spyder drehte die gewohnte Radanordnung um: zwei Räder vorn, eines hinten, in der Fachsprache die Tadpole-Bauweise. Dazu kam Serientechnik, die es im Trike-Bau vorher nicht gab, von der Stabilitätskontrolle bis zum halbautomatischen Getriebe. 2010 folgte die Tourenversion RT, 2018 der leichtere und günstigere Ryker mit CVT-Getriebe.
Parallel dazu kehrte auch Harley-Davidson zum Dreirad zurück. Der Tri Glide Ultra Classic von 2009, entwickelt zusammen mit Lehman Trikes und abgeleitet von der Electra Glide Ultra Classic, war das erste Serien-Trike der Marke seit dem Servi-Car. Und eine dritte Gattung entstand fast zeitgleich: Piaggio brachte 2006 die MP3 mit neigbarem Doppelvorderrad, deren rechtliche Besonderheiten der Ratgeber zur Piaggio MP3 mit Autoführerschein behandelt.
Was sich rechtlich verschoben hat
Die Fahrzeuge veränderten sich, das Regelwerk um sie herum ebenso. Zwei Entwicklungen prägen die Gegenwart.
Auf europäischer Ebene wuchs aus einzelnen Richtlinien ein einheitliches Genehmigungsrecht für zwei-, drei- und vierrädrige Fahrzeuge, das heute in der Verordnung (EU) Nr. 168/2013 steht. Sie liefert die Klassenbezeichnung L5e, die in jedem Fahrzeugschein eines Trikes auftaucht.
In Deutschland fiel die schärfere Zäsur beim Führerschein. Bis zum 18. Januar 2013 zählten dreirädrige Kraftfahrzeuge zur Klasse B, wer den Autoführerschein hatte, durfte Trike fahren. Seit dem 19. Januar 2013 sind sie den Motorradklassen zugeordnet: über 15 kW der Klasse A, darunter der Klasse A1. Die Klasse B öffnet sich seither nur noch über § 6 Abs. 3a FeV, ab 21 Jahren und beschränkt auf das Inland. Was das für heutige Fahrer bedeutet, klärt der Ratgeber zum Trike mit Autoführerschein.
Wo das Trike heute steht
Die Nische ist klein und stabil. Zum 1. Januar 2026 waren allein von Rewaco 2.714 Fahrzeuge in Deutschland zugelassen, was 0,1 Prozent aller zwei- und dreirädrigen Krafträder entspricht. Rechnet man Boom, umgebaute Motorräder, Can-Am-Modelle und die dreirädrigen Roller hinzu, bleibt das Trike ein Fahrzeug für Überzeugte.
Die Motive haben sich dabei verschoben. Wo in den 1970ern der Selbstbau und in Großbritannien die Steuerersparnis trieben, steht heute meist ein anderer Grund im Vordergrund: Fahren ohne Balancieren, mit Beifahrer und Gepäck, oft nach Jahrzehnten auf zwei Rädern. Das erklärt auch, warum die Hersteller den Komfort so stark ausbauen und warum Automatikgetriebe in diesem Segment die Regel sind.
Fazit
Die Trike-Geschichte hat eine Pointe: Was heute als Sonderform gilt, war die Ausgangsform. Zwischen 1886 und 1905 fuhr das Dreirad vorneweg, danach übernahm es fünfzig Jahre lang die Transportarbeit, verschwand aus dem Blick und kehrte in den 1970ern als selbst gebautes Freizeitfahrzeug zurück.
Der eigentliche Umbruch liegt aber in den 1990er Jahren. Erst die Typgenehmigung machte aus dem Einzelstück ein Serienfahrzeug, und erst dadurch wurde das Trike für Käufer interessant, die keine Werkstatt im Rücken haben. Alles, was danach kam, vom Can-Am Spyder bis zum Elektro-Dreirad, baut auf diesem Schritt auf.
Stand September 2026. Historische Angaben nach der Fachliteratur zur Fahrzeuggeschichte sowie nach Hersteller- und Unternehmensangaben von Rewaco, Boom, Morgan, Harley-Davidson und Bombardier Recreational Products. Rechtliche Angaben nach § 6 FeV und der Verordnung (EU) Nr. 168/2013.
Häufige Fragen
Hatte das erste Automobil wirklich drei Räder?
Ja. Carl Benz stellte 1886 den Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 vor, ein dreirädriges Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Zwei Räder hinten, ein gelenktes Rad vorn: Genau die Anordnung, die heute als Delta-Trike bezeichnet wird. Vierrädrige Automobile kamen erst später.
Wann gab es die ersten Motordreiräder?
Noch vor dem Verbrennungsmotor. Nicholas Cugnot baute 1769 ein dampfgetriebenes Dreirad, Gustave Trouvé fuhr 1881 in Paris ein elektrisch angetriebenes Tricycle, und 1882 folgte in London das Ayrton & Perry Electric Tricycle. Edward Butler entwarf 1884 sein Petrol-Cycle mit Verbrennungsmotor, das 1885 präsentiert wurde.
Warum waren Dreiräder in Großbritannien so verbreitet?
Aus steuerlichen Gründen. Dreirädrige Fahrzeuge galten dort bis in die 1970er Jahre steuerlich als Motorräder und waren deshalb deutlich günstiger zu halten als Autos. Morgan baute von 1909 bis 1952 Dreiräder, Reliant und andere Hersteller bedienten dieselbe Lücke.
Seit wann gibt es Trikes als Serienfahrzeug aus Deutschland?
Seit Anfang der 1990er Jahre. Boom baute ab September 1989 Prototypen, am 29. Januar 1990 wurde die Firma gegründet, und das erste Modell Highway I fuhr mit dem Motor eines VW Käfer. Rewaco wurde ebenfalls 1990 gegründet und stellte im Januar 1991 sein erstes Trike vor.
Wann kam der Can-Am Spyder auf den Markt?
Bombardier Recreational Products präsentierte den Spyder am 20. Februar 2007 in Nordamerika. Die europäische Vorstellung folgte am 14. Juni 2008 während des 24-Stunden-Rennens von Le Mans, der Verkauf in Deutschland begann im Juli 2008. 2010 kam die Tourenversion RT dazu, 2018 der leichtere Ryker.
Hat Harley-Davidson früher schon Dreiräder gebaut?
Ja, den Servi-Car von 1932 bis 1973, ein Nutzfahrzeug für Werkstätten, Polizei und Lieferdienste. Das erste Serien-Trike danach war der Tri Glide Ultra Classic von 2009, entwickelt in Zusammenarbeit mit Lehman Trikes und abgeleitet von der Electra Glide Ultra Classic.
Was hat sich 2013 rechtlich geändert?
Die Zuordnung der Fahrerlaubnisklassen. Bis zum 18. Januar 2013 zählten dreirädrige Kraftfahrzeuge zur Klasse B. Seit dem 19. Januar 2013 gehören sie zu den Motorradklassen, Dreiräder über 15 kW zur Klasse A und darunter zur Klasse A1. Die Klasse B öffnet seither nur noch über § 6 Abs. 3a FeV ab 21 Jahren und nur im Inland.
Wie viele Trikes fahren heute in Deutschland?
Für den Gesamtbestand gibt es keine leicht zugängliche Zahl, wohl aber einen Anhaltspunkt: Zum 1. Januar 2026 waren 2.714 Fahrzeuge von Rewaco zugelassen, was 0,1 Prozent aller zwei- und dreirädrigen Krafträder entspricht. Trikes bleiben damit eine kleine, aber stabile Nische.