Ein Motorrad schiebt man mit den Füßen aus der Parklücke. Beim Trike wird das schnell zur Kraftprobe, denn hier rollen 270 bis über 600 Kilogramm auf drei Reifen, und eine leicht abschüssige Einfahrt genügt, damit sich nichts mehr bewegt. Im Alltag entscheidet der Rückwärtsgang deshalb oft mehr als ein paar PS. Hier steht, welche Trikes ihn ab Werk haben, wie die Systeme arbeiten und wann das Gesetz ihn verlangt.
Wann das Gesetz einen Rückwärtsgang verlangt
Die erste Anlaufstelle scheint die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung zu sein. § 39 StVZO trägt sogar die Überschrift „Rückwärtsgang“:
Kraftfahrzeuge – ausgenommen einachsige Zug- oder Arbeitsmaschinen mit einem zulässigen Gesamtgewicht von nicht mehr als 400 kg sowie Krafträder mit oder ohne Beiwagen – müssen vom Führersitz aus zum Rückwärtsfahren gebracht werden können.
Ein Trike ist kein Kraftrad. § 2 Nr. 9 FZV definiert das Kraftrad als zweirädriges Kraftfahrzeug mit oder ohne Beiwagen. Nach diesem Wortlaut müsste also jedes Trike rückwärts fahren können. Für Fahrzeuge der Klasse L greift die Vorschrift aber nur ersatzweise. § 19 Abs. 1 StVZO knüpft die Betriebserlaubnis an die Einzelrechtsakte, die in Anhang II der Verordnung (EU) Nr. 168/2013 genannt sind, und erlaubt eine Erteilung nach den StVZO-Vorschriften nur, wo diese EU-Rechtsakte nicht anwendbar sind. Beim Trike sind sie anwendbar.
Maßgeblich ist damit die Delegierte Verordnung (EU) Nr. 3/2014 zur funktionalen Sicherheit. In Anhang XIV Nr. 1.2.2 steht der entscheidende Satz:
Fahrzeuge der Klassen L2e, L5e, L6e und L7e mit Aufbau müssen mit einer vom Fahrersitz aus betätigbaren Einrichtung für Rückwärtsfahrt ausgerüstet sein.
Alles hängt also am Wort Aufbau. Nummer 1.2.2.1 definiert es für diesen Zweck genau: Ein Fahrzeug hat einen Aufbau, wenn sich neben oder hinter dem niedrigsten Sitzplatz Strukturelemente befinden, die höher liegen als der R-Punkt dieses Sitzplatzes. Der R-Punkt ist der Sitzbezugspunkt, vereinfacht die Hüfthöhe des sitzenden Fahrers. Als Beispiele nennt die Verordnung Seitentüren, B-Säulen und Dach. Ausdrücklich nicht mitgezählt werden andere Sitzplätze, Rückenlehnen, Stauräume und Gepäckträger samt ihrer Anbauteile.

Soziuslehne und Topcase dürfen über die Hüfthöhe ragen, ohne dass sich etwas ändert. Erst Tür, B-Säule oder Dach machen den Rückwärtsgang zur Pflicht.
Für die Praxis ergibt das eine klare Linie:
| Fahrzeug | EU-Klasse | Rückwärtsgang vorgeschrieben? | Grundlage |
|---|---|---|---|
| Solomotorrad | L3e | nein | § 39 StVZO nimmt Krafträder aus |
| Motorrad mit Beiwagen | L4e | nein | § 39 StVZO; L4e fehlt in Anhang XIV Nr. 1.2.2 |
| offenes Trike mit Motorradsitz | L5e | nein | kein Aufbau im Sinne von Nr. 1.2.2.1 |
| Trike mit Türen, B-Säulen oder Dach | L5e | ja | Anhang XIV Nr. 1.2.2 VO (EU) Nr. 3/2014 |
| dreirädriges Kleinkraftrad mit Aufbau | L2e | ja, Ausnahme bis 225 kg ohne Gurt und Türen | Anhang XIV Nr. 1.2.2.2 |
| Pkw | M1 | ja | § 39 StVZO |
Die Serien-Trikes von Can-Am, Harley-Davidson und rewaco sind offen gebaut. Keines von ihnen müsste rückwärts fahren können, und trotzdem tun es alle. Pflicht wird der Rückwärtsgang erst bei geschlossenen Bauformen mit Kabine. Wer ein Trike mit festem Dach oder Türen plant, klärt die Einstufung früh mit dem Prüfer, denn der technische Dienst muss seine Beurteilung im Prüfbericht begründen. Welche Dachlösungen es gibt, zeigt der Ratgeber zum Trike mit Dach.
Dieselbe Regel gilt für Einzelabnahmen. § 21 StVZO lässt den Sachverständigen bescheinigen, dass das Fahrzeug gemäß § 19 Abs. 1 vorschriftsmäßig ist, und damit führt auch beim umgebauten Einzelstück der Weg zu Anhang XIV.
Welche Trikes ab Werk rückwärts fahren
Bei den Serien-Trikes ist der Rückwärtsgang durchgehend an Bord. Die folgende Übersicht nennt Getriebe und Gewicht nach Herstellerangabe, beim rewaco und beim Boom nach der Fahrzeugdatenbank von Motorrad & Reisen:
| Modell | Getriebe | Rückwärtsgang | Gewicht |
|---|---|---|---|
| Can-Am Ryker 600 / 900 | stufenloses CVT | ja | 270 / 280 kg trocken |
| Can-Am Spyder F3 | Sechsgang-Halbautomatik | ja | 408 bis 448 kg trocken |
| Can-Am Spyder RT | Sechsgang-Halbautomatik | ja | 464 kg trocken |
| Can-Am Canyon | Sechsgang-Halbautomatik | ja | 452 bis 470 kg trocken |
| Harley-Davidson Road Glide 3 (2026) | Sechsgang, von Hand | ja, elektrisch über den Anlasser | 537 kg fahrbereit |
| Harley-Davidson Tri Glide Ultra (bis 2025) | Sechsgang, von Hand | ja, Elektromotor an der Hinterachse | 561 kg fahrbereit |
| rewaco PUR3 Gran Turismo | Siebengang-Automatik | ja | 610 kg trocken |
| Boom Mustang ST1 (bis 2012) | Fünfgang-Schaltgetriebe von Ford | ja | 645 kg trocken |
Bei Can-Am ist die Sache eindeutig. Das Datenblatt nennt für den Ryker ein „Automatisch (CVT) mit Rückwärtsgang“, für Spyder F3, Spyder RT und den neuen Canyon eine „Halbautomatik mit Rückwärtsgang“ mit sechs Gängen. Das Einsteigermodell ist also genauso ausgestattet wie der Tourer.
Bei rewaco liegt ein kleiner Widerspruch in den Quellen. Der Hersteller selbst schreibt im Datenblatt der aktuellen Modelle nur „7-Gang-Automatik mit Power-Shifter“. Motorrad & Reisen führt für den PUR3 Gran Turismo ausdrücklich ein Siebengang-Automatikgetriebe mit sequenzieller Schaltmöglichkeit und Rückwärtsgang. Wer ein bestimmtes Modell ins Auge fasst, lässt sich die Funktion beim Händler zeigen. Wie das Getriebe arbeitet, erklärt der Ratgeber zum Trike mit Automatik.
Ältere Trikes mit Autotechnik bringen den Rückwärtsgang aus ihrer Herkunft mit. Ein Pkw muss nach § 39 StVZO rückwärts fahren können, also hat jedes Pkw-Getriebe einen Rückwärtsgang. Das gilt für den Ford-Antrieb im Boom Mustang ebenso wie für das Getriebe aus dem VW Käfer, auf dem die klassischen Trikes mit VW-Motor aufbauen.
Harley-Davidson: vom Elektromotor an der Achse zum Anlasser
Harley-Davidson schaltet bei seinen Trikes von Hand, sechs Gänge nach vorn. Rückwärts geht es elektrisch. Für die Tri Glide Ultra beschreibt der Hersteller das so: Einfach die Taste für den Rückwärtsgang drücken, und das Trike setzt zurück, „sogar bergauf“. Bei 561 Kilogramm fahrbereit ist das eine der wichtigsten Funktionen im Alltag.
Bis zum Modelljahr 2025 steckte dahinter ein eigener Elektromotor an der Hinterachse. Mit der Trike-Baureihe 2026, also Road Glide 3, Street Glide 3 Limited und CVO Street Glide 3 Limited, hat Harley-Davidson das System neu entwickelt. Jetzt treibt der Anlasser des Motors die Rückwärtsfahrt an. Der Hersteller nennt drei Vorteile: Der Elektromotor an der Achse entfällt, die ungefederten Massen sinken, und das System reagiert schneller und gleichmäßiger. Das passt zur neuen Hinterachse der 2026er-Trikes, die ohnehin auf weniger ungefederte Masse ausgelegt ist. Die Einzelheiten zur Baureihe stehen im Überblick der Trike-Hersteller.
| Harley-Trike | Rückwärtsgang | Preis ab (Deutschland) |
|---|---|---|
| Tri Glide Ultra (2025) | Elektromotor an der Hinterachse | 46.600 € |
| Road Glide 3 (2026) | über den Anlasser | 38.900 € |
| Street Glide 3 Limited (2026) | über den Anlasser | 47.700 € |
| CVO Street Glide 3 Limited (2026) | über den Anlasser | 59.900 € |
Für Gebrauchtkäufer einer Tri Glide heißt das: Der Rückwärtsgang gehört auf die Liste der Probefahrt, am besten an einer leichten Steigung. Wer eine Harley zum Trike umbauen lässt, bekommt den Werks-Rückwärtsgang dagegen nicht automatisch mit. Dafür gibt es Nachrüstsätze, mehr dazu weiter unten.
Drei Wege, ein Trike rückwärts zu bewegen
Technisch haben sich drei Lösungen durchgesetzt. Sie unterscheiden sich darin, woher die Kraft kommt und wie schnell das Fahrzeug zurückrollt.
1. Umkehrrad im Getriebe. Ein zusätzliches Zahnrad kehrt die Drehrichtung der Abtriebswelle um, so wie im Auto. Der Verbrennungsmotor liefert die Kraft, der Fahrer dosiert über Gas und Kupplung oder die Automatik. Diese Lösung steckt in allen Trikes mit Pkw-Getriebe und im Getriebe der Can-Am-Modelle, deren Datenblatt den Rückwärtsgang als Teil des Getriebes führt.
2. Anlasser als Antrieb. Der Elektrostarter treibt über eine eigene Übersetzung das Getriebe rückwärts an. Das Gespann-Lexikon beschreibt die Rückwärtsgeschwindigkeit solcher Systeme als niedrig, wenige km/h. Diesen Weg gehen Harley-Davidson ab 2026, Honda bei der Gold Wing mit Schaltgetriebe und BMW bei der Rückfahrhilfe der K 1600, die sich laut BMW per Taste am linken Lenkerende und Druck auf den Anlasser aktivieren lässt.
3. Separater Elektromotor. Ein eigener Motor greift an Achse oder Rad an und arbeitet unabhängig vom Getriebe. So war es bei Harley-Davidson bis 2025. Der Vorteil: Das Getriebe bleibt unberührt, deshalb eignet sich das Prinzip auch zum Nachrüsten.
| Bauart | Kraftquelle | Beispiele |
|---|---|---|
| Umkehrrad im Getriebe | Verbrennungsmotor | Can-Am, rewaco, Boom, Trikes mit VW-Getriebe |
| Anlasser | Elektrostarter über eigene Übersetzung | Harley-Davidson ab 2026, Honda Gold Wing (Schaltgetriebe), BMW K 1600 |
| separater Elektromotor | Zusatzmotor an Achse oder Rad | Harley-Davidson Tri Glide bis 2025, Nachrüstsätze |
Die Gold Wing hat noch eine vierte Variante. In der Version mit Doppelkupplungsgetriebe gibt es laut Honda einen Rangiermodus, bei dem eine Kupplung für die Vorwärts- und die andere für die Rückwärtsbewegung sorgt. Das Tempo ist auf 1,1 mph vorwärts und 0,75 mph rückwärts begrenzt, also etwa 1,8 und 1,2 km/h.
Umbau-Trikes: Rückwärtsgang über die Basis oder nachgerüstet
Ein Motorradgetriebe braucht keinen Rückwärtsgang, denn § 39 StVZO nimmt Krafträder aus, und die meisten Maschinen haben auch keinen. Wer ein Motorrad zum Trike umbauen lässt, erbt diese Lücke. Das Trike wird nach dem Umbau zwar ein dreirädriges Kraftfahrzeug, bleibt aber ohne Aufbau und braucht deshalb auch nach der Einzelabnahme keinen Rückwärtsgang. Den Ablauf des Umbaus beschreibt der Ratgeber zum Motorrad-Trike-Umbau.
Zwei Wege führen trotzdem zum Rückwärtsgang:
- Die Basis bringt ihn mit. Die Honda Gold Wing hat ihn serienmäßig. Laut Gespann-Lexikon führte die GL 1500 als Neuheit eine elektrische Rückfahrhilfe über den Anlasser ein, bei der aktuellen GL 1800 nutzt die Version mit Schaltgetriebe nach Honda-Angabe ebenfalls den Elektrostarter. Für die BMW K 1600 GT und GTL gibt es die Rückfahrhilfe seit dem Modelljahr 2017 als Sonderausstattung, laut Lexikon auch für die R 18.
- Nachrüsten. Für verschiedene Harley-Davidson-Modelle fertigt W-Tec (EML) in den Niederlanden Reverse-Kits, die von außen am Fahrzeug angedockt werden. Den Vertrieb übernehmen laut Gespann-Lexikon Zodiac, Steido und der Fachhandel. Ein Umbau des Getriebes selbst ist grundsätzlich möglich, das Lexikon verweist aber auf den enormen technischen Aufwand und den Preis einer Einzelanfertigung.
Ein nachgerüsteter Rückwärtsgang greift in den Antrieb ein. Bevor das Teil bestellt wird, gehört die Frage an den Sachverständigen, ob und wie es eingetragen werden muss.
Rückwärts fahren: was im Verkehr gilt
Für das Rückwärtsfahren gelten dieselben Regeln wie für jedes andere Fahrzeug. § 9 Abs. 5 StVO verlangt, sich beim Rückwärtsfahren so zu verhalten, „dass eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist; erforderlichenfalls muss man sich einweisen lassen“. Bei einem Trike mit Topcase und breitem Heck ist der Blick nach hinten eingeschränkt, ein Einweiser ist dann eine gute Idee.
Auf Autobahn und Kraftfahrstraße ist Rückwärtsfahren nach § 18 Abs. 7 StVO ohne Ausnahme verboten, auch mit elektrischem Rückwärtsgang. Die Bußgelder reichen bis 200 Euro plus einen Monat Fahrverbot, die Einzelheiten stehen im Ratgeber zum Trike auf der Autobahn.
Ein Punkt ist fahrphysikalisch wichtig. Das Gespann-Lexikon warnt beim Rückwärtsfahren: Der Nachlauf wird zum Vorlauf. Die Geometrie, die das Vorderrad beim Vorwärtsfahren geradeaus hält, wirkt rückwärts in die Gegenrichtung und kann den Lenker schlagartig einschlagen lassen. Dieselbe Geometrie steckt in jedem Trike mit Motorradgabel vorn, also bei Harley-Davidson, rewaco und Boom. Die Regel lautet deshalb: langsam zurück und den Lenker fest in der Hand behalten.
Ein Rückfahrscheinwerfer ist für die Klasse L5e nicht vorgeschrieben, darf aber verbaut sein. Anhang IX der Verordnung (EU) Nr. 3/2014 legt fest, dass er nur leuchten darf, wenn der Rückwärtsgang eingelegt und der Hauptschalter eingeschaltet ist.
Ohne Rückwärtsgang rangieren
Wie schwer das Schieben wird, lässt sich abschätzen. Am Hang zieht die Hangabtriebskraft das Fahrzeug nach unten, dazu kommt der Rollwiderstand der Reifen. Ein Beispiel mit einem 400 Kilogramm schweren Trike auf einer Einfahrt mit 5 Prozent Steigung und einem angenommenen Rollwiderstandsbeiwert von 0,015:
- Hangabtrieb: 400 kg × 9,81 m/s² × 0,05 ≈ 196 Newton
- Rollwiderstand: 400 kg × 9,81 m/s² × 0,015 ≈ 59 Newton
- zusammen rund 255 Newton, so viel, wie nötig ist, um 26 Kilogramm senkrecht zu halten, und das dauerhaft, solange das Trike bergauf rollen soll
Mit Fahrer oder Gepäck steigt der Wert entsprechend. Daraus folgen ein paar einfache Regeln für Trikes ohne Rückwärtsgang:
- Vorwärts wieder herauskommen. Parklücken und Stellplätze so wählen, dass die Ausfahrt vorwärts gelingt. Vor Gasthöfen und auf Treffen lohnt ein Platz am Rand mit freier Ausfahrt.
- Gefälle lesen. Nie mit der Front bergab in eine Lücke rollen, aus der es rückwärts bergauf wieder hinausgehen müsste.
- Helfer einplanen. Zu zweit geht vieles, was allein nicht geht: Einer lenkt, einer schiebt.
- Garage vorbereiten. Ein glatter Boden und genug Platz zum Wenden sparen täglich Kraft. Für Gespanne gibt es Rangier- und Schiebehilfen, die auf glatten Böden gut funktionieren.
Wer vom Motorrad umsteigt, übt das Rangieren am besten, bevor der erste Stellplatz eng wird. Tipps dafür stehen im Ratgeber zum Trike fahren lernen.
Worauf beim Kauf achten
- Datenblatt lesen. Die Hersteller schreiben den Rückwärtsgang in die Getriebezeile, etwa „mit Rückwärtsgang“. Fehlt der Zusatz, nachfragen.
- Probefahrt mit Rangierteil. Den Rückwärtsgang einmal auf ebenem Boden und einmal an einer leichten Steigung ausprobieren, bei Gebrauchten mit elektrischem System besonders gründlich.
- Umbau-Basis prüfen. Bei umgebauten Trikes entscheidet das Spenderfahrzeug. Gold Wing und K 1600 mit Rückfahrhilfe bringen ihn mit, die meisten anderen Motorräder nicht.
- Geschlossene Bauform. Trikes mit Kabine, Türen oder festem Dach brauchen den Rückwärtsgang nach EU-Recht. Fehlt er bei einem solchen Fahrzeug, lohnt ein Blick in die Papiere.
Bei Dreirad-Rollern mit Neigetechnik ist der Rückwärtsgang die Ausnahme, dort hat ihn nur ein Modell. Welches, klärt der Ratgeber zum Dreirad-Roller mit Rückwärtsgang. Wie sich das Thema beim Motorrad mit Beiwagen darstellt, steht im Artikel zum Gespann mit Rückwärtsgang.
Fazit
Gesetzlich ist der Rückwärtsgang beim Trike die Ausnahme. Das EU-Recht verlangt ihn nur bei Fahrzeugen mit Aufbau, also mit Türen, B-Säulen oder Dach über Hüfthöhe, und das trifft auf die gängigen offenen Trikes nicht zu. Praktisch ist er trotzdem Standard: Can-Am baut ihn in jedes Modell vom Ryker bis zum Canyon, Harley-Davidson in jedes Trike, und rewaco und Boom bringen ihn über das Pkw-Getriebe mit.
Die Lücke liegt bei den Umbauten. Wer ein Motorrad zum Trike umbauen lässt oder ein umgebautes Trike kauft, prüft deshalb zuerst die Basis und plant sonst eine Nachrüstung ein. Bei 400 Kilogramm und mehr ist das gut angelegtes Geld, spätestens an der ersten abschüssigen Einfahrt.
Rechtsstand September 2026. Grundlage sind § 19 Abs. 1, § 21 und § 39 StVZO, § 2 Nr. 9 FZV, § 9 Abs. 5 und § 18 Abs. 7 StVO sowie Anhang IX und Anhang XIV der Delegierten Verordnung (EU) Nr. 3/2014. Modelldaten laut Can-Am, Harley-Davidson und rewaco, ergänzt um die Fahrzeugdatenbank von Motorrad & Reisen. Dieser Artikel ordnet die Rechtslage ein und ersetzt keine Rechtsberatung.
Häufige Fragen
Muss ein Trike einen Rückwärtsgang haben?
Nur wenn es einen Aufbau hat. Anhang XIV Nr. 1.2.2 der Delegierten Verordnung (EU) Nr. 3/2014 verlangt für Fahrzeuge der Klasse L5e mit Aufbau eine vom Fahrersitz aus betätigbare Einrichtung für Rückwärtsfahrt. Als Aufbau zählen Strukturelemente neben oder hinter dem Fahrersitz, die höher liegen als dessen Sitzbezugspunkt, etwa Seitentüren, B-Säulen oder ein Dach. Ein offenes Trike mit Motorradsitz fällt nicht darunter, auch nicht mit hoher Soziuslehne oder Topcase.
Gilt § 39 StVZO auch für Trikes?
Nach dem Wortlaut schon, denn § 39 StVZO nimmt nur Krafträder mit oder ohne Beiwagen aus, und ein Kraftrad ist nach § 2 Nr. 9 FZV zweirädrig. Für Fahrzeuge der Klasse L gehen aber die EU-Vorschriften vor: § 19 Abs. 1 StVZO verweist auf die Einzelrechtsakte aus Anhang II der Verordnung (EU) Nr. 168/2013 und lässt die StVZO-Regeln nur greifen, wo diese nicht anwendbar sind. Das gilt auch bei der Einzelabnahme nach § 21 StVZO.
Hat der Can-Am Ryker einen Rückwärtsgang?
Ja. Can-Am beschreibt das Getriebe beider Ryker-Motorisierungen mit 600 und 900 Kubikzentimetern als „Automatisch (CVT) mit Rückwärtsgang“. Die Spyder F3, die Spyder RT und der Canyon fahren mit einer Sechsgang-Halbautomatik, ebenfalls mit Rückwärtsgang. Damit hat jedes aktuelle Can-Am-Trike ihn serienmäßig an Bord.
Wie funktioniert der Rückwärtsgang bei Harley-Trikes?
Elektrisch per Taste. Bei der Tri Glide Ultra bis Modelljahr 2025 trieb ein Elektromotor an der Hinterachse das Trike zurück, laut Harley-Davidson auch bergauf. Mit der Baureihe 2026 (Road Glide 3, Street Glide 3 Limited, CVO Street Glide 3 Limited) übernimmt der Anlasser des Motors diese Aufgabe. Der separate Elektromotor entfällt, was die ungefederten Massen an der Hinterachse senkt.
Kann man bei einem Trike einen Rückwärtsgang nachrüsten?
Ja, der Aufwand hängt an der Basis. Für verschiedene Harley-Davidson-Modelle fertigt laut Gespann-Lexikon W-Tec (EML) in den Niederlanden Reverse-Kits, die von außen angedockt werden. Ein Getriebeumbau ist technisch möglich, als Einzelanfertigung aber teuer. Weil der Eingriff den Antrieb betrifft, gehört er vorab mit dem Sachverständigen besprochen.
Darf ich mit dem Trike auf der Autobahn rückwärts fahren?
Nein. § 18 Abs. 7 StVO verbietet Wenden und Rückwärtsfahren auf Autobahnen und Kraftfahrstraßen ohne Ausnahme, egal wie leicht es der Rückwärtsgang macht. Der Bußgeldkatalog sieht 75 Euro in einer Ein- oder Ausfahrt, 130 Euro auf dem Seitenstreifen und 200 Euro plus einen Monat Fahrverbot auf der durchgehenden Fahrbahn vor.
Braucht ein Trike einen Rückfahrscheinwerfer?
Nein, für die Klasse L5e ist er nicht vorgeschrieben, darf aber als zusätzliche Leuchte verbaut sein. Dann gelten die Vorgaben aus Anhang IX der Verordnung (EU) Nr. 3/2014: ein oder zwei weiße Scheinwerfer, 250 bis 1.200 Millimeter über dem Boden, nach hinten gerichtet. Sie dürfen nur leuchten, wenn der Rückwärtsgang eingelegt und der Hauptschalter eingeschaltet ist.